Angst vor dem ersten Schultag

Allererster Schultag, lange Ferien oder Schulwechsel: Vielen Kindern grummelt der Magen, wenn sie an den Schulstart denken. „Das ist ganz normal“, sagt Schulpsychologin Anette Müller-Bungert. Wenn das Grummeln im Bauch aber zu richtiger Angst wird, sollten Eltern genauer hinschauen. Vor allem Mobbing und Lernstress können Ursachen sein.

Frau Müller-Bungert, was sind typische Gründe für das Grummeln im Bauch vor dem ersten Schultag?

Alles was für Kinder neu ist, ist grundsätzlich mit ein bisschen Angst besetzt. Das gilt für Kinder, die vor dem allerersten Schultag stehen. Das gilt aber auch für die Kinder, die in die nächste Klassenstufe kommen. Besonders der Übergang von der vierten Klasse in eine weiterführende Schule ist eine große Herausforderung. Die Kinder haben plötzlich eine völlig neue Situation zu bewältigen: Neuer Ort, neue Lehrer, neue Fächer und neue Klassenkameraden – das ist für viele schon eine große Herausforderung.

Was lässt sich dagegen tun?

Eltern sollten mit ihren Kindern im Vorfeld an einem Schnuppertag teilnehmen. Das bietet unter anderem die Möglichkeit, das Gebäude kennen zu lernen. Die Schulen stellen Fachtrakte und Klassenlehrer vor und die Kinder haben die Chance, ihre Klassenkameraden kennen zu lernen. Zudem hilft es, mindestens einmal den Schulweg abzugehen. Das hilft auch Kindern, die die Schule nicht wechseln, sich nach den langen Ferien aber unsicher fühlen. Das gibt Vertrauen und die Hürde des ersten Schultages ist etwas niedriger.

Muss ich mir als Eltern Sorgen machen, wenn mein Kind Angst vor dem ersten Schultag hat?

Wenn es die normale Aufregung bei Kindern ist, sollten die Eltern ganz entspannt bleiben. Das bekannte Grummeln im Bauch ist ganz normal und sogar wichtig. Kindern müssen lernen, diese Situationen zu meistern. Schließlich werden sie damit ihr Leben lang konfrontiert. Wenn ein Kind aber wirklich Angst vor der Schule hat, muss man der Sache natürlich auf den Grund gehen und die Ursachen finden.

Eine ist sicherlich Mobbing.

Unter anderem. Wir haben festgestellt, dass sich  immer mehr Kinder vor Mobbing fürchten und deshalb eine reale Angst haben, in die Schule zu gehen. Oftmals erleben sie schon den Schulweg als belastend, wo sie geschubst, getreten oder gedrängelt werden.  Oder die Situation auf dem Schulhof, wo sie ausgegrenzt oder gehänselt werden. Da sollten die Eltern ganz genau hinschauen, in Kontakt mit ihren Kindern bleiben und Lösungen finden.

Inwieweit spielt Leistungsdruck als Ursache für die Angst vor dem Schulstart eine Rolle?

Vor dem neuen Schuljahr stellen sich Kinder immer wieder die Frage, wie hoch die Anforderungen sein werden und ob sie diese meistern können. Eine gewisse Aufregung gehört dazu. Allerdings gibt es auch Schüler, die eine ganz berechtigte Angst haben, da sie das letzte Schuljahr zum Beispiel nur mit Ach und Krach geschafft haben. Für diese Kinder ist das neue Schuljahr definitiv eine große Herausforderung, denn sie wissen, dass sie sich besonders anstrengen müssen.

Wie lässt sich damit umgehen?

Eine gute Möglichkeit ist, in der letzten Ferienwoche in den Büchern zu stöbern und sich so mit den Lerninhalten des kommenden Schuljahres vertraut zu machen. Das gibt den Kindern ein gutes Gefühl, ungefähr zu wissen, was auf sie zukommt.  Wenn es in bestimmten Fächern Lücken gibt, sollte man versuchen, diese zu schließen. Allerdings halte ich nichts davon, jeden Tag in den Ferien zu lernen.

Wie erleichtert man seinem Kind den Übergang zwischen Ferien und Schulstart?

In den Ferien geraten Kinder möglicherweise komplett aus dem Schulrhythmus. Dazu gehört auch, jeden Abend spät ins Bett zu gehen und bis mittags auszuschlafen. Nach den Ferien muss man aber wieder früh morgens aufstehen und das sollte man in den letzten Ferientagen trainieren. Das gilt zwar für Grundschulkinder mehr als für Schüler der weiterführenden Schulen, aber selbst Erwachsene müssen ihren Rhythmus nach dem Urlaub wieder anpassen und sich vorbereiten. Alleine die Schultasche am Vorabend zu packen, kann den Schulstart schon erleichtern.

„Andere Kinder haben auch Angst“ – ist das eine Strategie, meinem Kind die Angst zu nehmen?

Das kann Kindern durchaus ihre Angst nehmen. Es kann ihnen auch helfen, klarzumachen, dass es für die Eltern auch Situationen gibt, die neu sind und vor denen sie Angst haben. Je mehr man aber das Thema Angst thematisiert, desto größer ist die Gefahr, dass ein Kind, das vorher noch keine Angst hatte, welche bekommt.

Das Interview führte Jörn Pelzer

Über Jörn Pelzer

Jörn Pelzer kommt aus Trier und studiert seit 2010 Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt. Er ist Freier Mitarbeiter einer Nachrichtenagentur aus Trier und Streckenreporter während der ADAC Rallye Deutschland. Text- und Hörproben gibt es unter: www.joern-pelzer.de.

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