Zurück in die dritte Klasse

Von Anfang an ist uns klar, dass wir für unsere Zielgruppe mindestens zehn Jahre zu alt sind. Daher besuchen wir zu viert zwei dritte Schulklassen in der Ludwig-Glock-Schule in Messel für eine Zielgruppenbefragung.  Wir sind schon im Klassenraum, als die Kinder eintreffen. Die Kinder schauen uns verwirrt an. Sie wissen noch nicht, was auf sie zukommt. Wir erklären, dass wir wissen wollen, für welche Themen sie sich interessieren. „Wer weiß denn, was ein Journalist macht?“So fängt unsere Fragerunde an. Die Kinder beteiligen sich eifrig. Kaum eine Hand bleibt lange unten.

Wir zeigen ihnen Bilder, die symbolisch für Themen stehen. Wir haben nicht mit einer so großen Resonanz gerechnet. „Dromedar-Nebel!“, sagt ein Junge stolz. Man sieht uns an, wie überrascht wir sind. „Das ist sehr gut, dass du das weißt. Das Bild soll für das Weltall stehen.“ Eigentlich wollen wir sagen: „Ihr wisst mehr als wir, wir sind neidisch.“ Generell überraschen uns einige immer wieder. Ein Mädchen mit blondem Zopf sagt uns still, sie lese die Wendy. Sie wirkt auf uns eher schüchtern und brav. Plötzlich sagt sie beim Thema Sport trocken: „Ich spiele Fußball!“ Am Ende teilen wir Exemplare eines Kindermagazins aus. In einer Woche wollen wir ihnen dazu Fragen stellen. Sie räumen sie sofort ordentlich in ihren Ranzen. Beim Hinausgehen hält uns ein Mädchen auf, weil sie uns noch etwas erzählen möchte. Wir sind begeistert, aber die Lehrerin bremst den Enthusiasmus: Wir müssen weiter.

Gejubel, wenn jemand “Das Sams? erwähnt

Im anderen Klassenzimmer ist es laut, es gibt kaum Mädchen. Daher fällt es uns viel schwerer, diese Klasse nicht nur zu unterhalten, sondern auch ruhig zu halten. Dieses Mal gehen wir unsere Fragen schneller durch. Wir bekommen ein bisschen Routine. Dennoch ist es manchmal nicht einfach, da eine Zusammenarbeit mit Acht- bis Neunjährigen anders als mit Erwachsenen ist. Im Gegensatz zur vorherigen Klasse sind die Schüler hier etwas chaotischer. Sie sagen vieles doppelt und fangen an zu jubeln, wenn jemand „Das Sams“ erwähnt. Manchmal erzählen sie auch statt einer Antwort von einem Streit mit dem Bruder beim letzten Abendessen. Bei der Themenfindung kommen sie auf überraschende Ideen: „Ich würde gerne mehr über Angela Merkel wissen!“ – „In Norwegen wurden ja auch jetzt Menschen ermordet.“ – „Wie entstehen eigentlich Kinder?“ In einer Sache sind sie sich einig: Alle interessieren sich für naturwissenschaftliche Themen. Vor allem Informationen über Naturkatastrophen wie Tornados und Vulkane sind gefragt.

Als wir aber schließlich einen Jungen mit verstruppelten Haaren drannehmen, fragt er nur jammernd: “Wann machen wir endlich Mathe?? Wir hoffen, dass die Kindermagazine sie für diesen Verlust entschädigen. Anders als in der anderen Klasse, wird sofort nach dem Austeilen darin geblättert. Kinder rennen durcheinander und die Lautstärke steigt auf ein Maximum an. Eine Weile später ist jeder wieder auf seinem Platz. Dazu brauchte es mehrere Ermahnungen und einen Gong als Zeichen für Ruhe. Als wir uns verabschieden, stellen wir fest: „Das war laut.“ Das Ergebnis stellt uns aber zufrieden, denn so falsch lagen wir mit unseren Themenideen nicht. Anscheinend sind wir vom Kind sein noch nicht ganz so weit entfernt.

Über Johanna Kindermann

Johanna ist Journalistin, ehemaliges Au Pair, teetrinkende Studentin und intensive Reisende. Kleine Auszüge davon gibt es auf ihrem Blog: www.catchthetrain.wordpress.com

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